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Stuttgarter Zeitung
Interview: „Kinderglück“, Hilke Lorenz, Stuttgarter Zeitung
Herr Professor Hüther, Sie sind seit Jahren dem Glück auf der Spur. Deshalb zu Beginn gleich die schwierigste Frage: Was ist Glück für Sie persönlich?
Das größte Glück empfinde ich immer dann, wenn es mir gelingt etwas wiederzufinden, was ich eigentlich schon verloren geglaubt habe. Das hat viel mit Sehnsucht zu tun. Immer dann, wenn man wiederfindet, was man verloren geglaubt hat, wird eine Sehnsucht gestillt. Dann entsteht dieses wunderbare Gefühl von Glück.
Was haben Sie denn wiedergefunden?
Beispielsweise meine eigene Neugier, meine Entdeckerfreude, meine Lust auf das Leben, meine Begeisterung über das, was es in diesem Leben zu erleben gibt. Das ist relativ einfach.
Wenn man die Liste Ihrer Veröffentlichung anschaut, würde man gar nicht auf die Idee kommen, Sie hätten diese Neugierde jemals verloren?
Wir alle verlieren unsere Neugierde im Lauf des Lebens. Wir sind heute alle weit weniger entdeckerfreudig und gestaltungslustiger als damals als Kinder. Es besteht offenbar eine sonderbare Gesetzmäßigkeit in unserem Kulturkreis, dass man sich von dem entfernt, was das Leben eigentlich schön macht.
Die jüngste ZDF-Studie sagt, dass 84 Prozent der deutschen Kinder sind "total glücklich" oder "glücklich". Haben Sie diese Zahlen überrascht?
Das hat mich gar nicht überrascht. Ich hätte sogar noch höhere Werte erwartet. Kinder würden immer sagen, dass sie glücklich sind. Glück ist ein subjektives Gefühl. Selbst Kinder, die im größten Unglück leben, würden auf die Frage, ob sie glücklich sind, wahrscheinlich sagen, dass sie glücklich sind. Kinder sind einfach Lebenskünstler.
Kinder sind offenbar ungeheuer anpassungsfähig in ihrem Glücksempfinden an die Umwelt.
Wenn sie nur ein ganz kleines bisschen gemocht werden und genug zu essen haben, dann reicht das schon aus, um ein Kind glücklich zu machen.
Woher kommt diese Anpassungsfähigkeit? Ist sie angeboren?
Ja. Kinder bringen ja zwei wichtige Erfahrungen schon mit auf die Welt. Die eine ist die, aufs engste mit jemandem verbunden zu sein, nämlich mit der Mutter. Diese Erfahrung macht jedes Kind. Die andere ist die, dass man wachsen kann. Auch diese Erfahrung, dass man körperlich und später geistig wachsen kann, ist grundlegend. So lange man diese beiden Grunderfahrungen bestätigt findet, bleibt man auch im Glück. Heraus fällt man erst dann, wenn eins von beiden nicht mehr geht. Daraus entsteht eine Sehsucht, mit der wir alle durchs Leben laufen. Bis ins hohe Alter wollen wir verbunden sein und über uns hinaus wachsen.
Diese Sehsucht wird jedoch zunehmend enttäuscht?
Überall dort, wo Menschen die Erfahrung machen müssen, dass sie nicht so richtig dazugehören und nicht so richtig wachsen dürfen, werden sie von den anderen aus dem Glück herausgetrieben. Alle sind wird auf diese Art und Weise aus dem paradiesischen Zustand vertriebenen worden. Deshalb sucht man das ganze Leben, dass man beides wieder erleben kann, dass man wieder glücklich werde.
Auch das belegt die Studie: Das Glücksempfinden schrumpft rapide, wenn die Schule ins Leben tritt. Die Art des Lernens scheint nicht glücksförderlich zu sein.
Ja sicher. Viele Kinder müssen in unseren Schulen lernen, dass sie so, wie sie sind, nicht gut genug sind. Das kann nicht glücklich machen.
Es gibt also Rahmenbedingungen, die das Glück anlocken?
Ja und die kann man ganz einfach definieren. Viele Kinderantworten in der Studie gehen in Richtung "Wenn mich meine Mama lieb hat" oder "Wenn meine Eltern zusammen sind" - Kinder wollen also dazugehören. Außerdem wollen Kinder Aufgaben, an denen sie wachsen können. Viele Kinder antworten deshalb, sie seien glücklich, "wenn ich mein neues Fahrrad geschenkt bekomme".
Kinder sagen auch, dass sie glücklich sind, wenn sie eine neue Spielkonsole geschenkt bekommen. Da zucken wir doch als auf besserwissende Erwachsene erstmal zusammen und wähnen reinen Materialismus.
Man muss genauer hinschauen. Das Kind kann seine tatsächliche Sehnsucht nicht ausdrücken. Wenn wir ihnen in unserer Gesellschaft keine anderen Möglichkeiten geben, als ihnen eine Spielkonsole anzubieten und ihnen damit den Floh ins Ohr zusetzen, dass eine Spielkonsole etwas wunderbares sei, um über sich hinaus zu wachsen, dann haben Kinder eben solche Wünsche.
Sie glauben, Hinter Spielkonsolenwünschen stecken ganz andere Wünsche?
Das glaube ich nicht, das weiß ich. Jedes Kind wirft seine Spielkonsole weg, wenn es in der Realität etwas zu entdecken und zu gestalten gibt.
Wie kann Schule den Entdeckergeist wach halten oder ihn, wenn er eingeschlafen ist, wieder wecken?
Indem man Kindergärten und Schulen zu Entdeckerwerkstätten macht. Wir müssten also Kindergärten und Schulen von Käseglocken in Treibhäuser umwandeln, Kindergärten und Schulen müssten sich zu pulsierenden Herzen zur Wiederbelebung des öffentlichen Lebens entwickeln.
Was heißt das in der Praxis?
Kinder müssen Aufgaben in der Kommune übernehmen. Zum Beispiel jeden Tag einen alten Menschen besuchen und unterstützen. Sie können sich um Tiere kümmern, die Natur schützen. Aber die Kommune muss das auch zu schätzen wissen. Das heißt: die Kinder müssen Anerkennung für ihr Tun bekommen.
Damit sie erfahren, dass ihr Tun auch Wirkung hat.
Ja. Und wenn man Wertschätzung erfährt, heißt das auch: Ich gehöre dazu. Wachsen und dazugehören, das sind die lebenswichtigen zwei Dinge, um die es geht.
Das hört sich eigentlich ganz einfach an.
Ja. Aber es geht nicht in einer Beziehungskultur, in der man sich um den anderen nicht mehr kümmert und in der man nur auf Kosten der anderen wachsen will. Das sagt ja auch die Kinderglücksstudie, dass das Glück in dem Moment verloren geht, wenn das Konkurrenzdenken in der Schule einsetzt. Das gilt nicht nur für die Schule, sondern überall dort, wo einer auf Kosten der anderen seine Interessen durchsetzt. Das ist ein generelles Problem unserer Konkurrenz orientierten Lebensweise.
Das heißt, diese Gesellschaft bringt sich, ihre Erwachsenen und ihre Kinder selbst ums Glück.
So ist es. Statt an einer Glückskultur zu arbeiten, entwickeln wir eine Neidkultur.
Lässt sich das zurückdrehen?
Ich bin sicher, dass es nicht mehr lange so weitergeht, weil das viel zu viele Ressourcen vernichtet. Das sind Ressourcen in Form von menschlichen Potenzialen, die sich dann nicht mehr entfalten können, aber das sind auch die natürlichen Ressourcen, die dieser Lebensstil verschlingt. Ein glücklicher Mensch, der weiß dass er dazugehört und wachsen darf, der bracht keinen dicken Sportwagen. Der möchte auch nicht am liebsten dreimal im Jahr in die Südsee fliegen.
Kinderrechte sollen nach Wunsch der CDU Eingang in die Verfassung finden. Hätten Sie da auch einen Satz hinzuzufügen, der aufgenommen werden sollte?
Nein. Ich finde in Ordnung, was die Politik versucht. Aber ich glaube nicht, dass Gesetze viel nützen. Wir können das Glück der Kinder nicht herbei zwingen. Wir brauchen Erwachsene, die zur Besinnung kommen, denen das Glück ihrer Kinder am Herzen liegt.
Und diese Erwachsenen müssen Kinder kleine Entdecker sein lassen.
Wir brauchen Erwachsene, die wollen, dass diese Gesellschaft fortbesteht. Wenn eine Gesellschaft Zukunft haben will, müssen sich die Erwachsenen darum kümmern, dass die Kinder, die in diese Gesellschaft hineinwachsen, ihre Potenziale entfalten können. Es geht nicht um die rührselige Wiederentdeckung der Lieblichkeit von Kindern und der Familie. Nein. es geht vielmehr um das Überleben der Gesellschaft. Das müssen wir langsam verstehen. Wir brauchen Kinder, die das geistige Feuer in sich tragen, das unsere Kulturgüter hervorgebracht hat.
Das geistige Feuer entfacht man aber wahrscheinlich nicht, wenn man sie von einem Förderprogramm ins nächste schleift?
Das entfacht man nur dann, wenn man es selbst den Kindern vorlebt.
Haben neugierige Erwachsene neugierige Kinder?
Vor allem begeisterte Erwachsene, die keine Miesepeter oder allzu verunsichert als Eltern sind. Im Herzen will keine Mutter ihr Kind von Förderprogramm zu Förderprogramm fahren. Man braucht ein bisschen Mut, um sich aus den Umklammerungen einer Leistungsideologie zu lösen und das Wohl der Kinder im Auge zu behalten.
Woher nimmt man den?
Aus der Liebe zu seinen Kindern und aus der Erkenntnis, dass das Gras nicht schneller wächst, wenn man dran zieht.
