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Rheinischer Merkur



Interview: Lucian Haas, Rheinischer Merkur

Ältere Menschen gelten gelegentlich als stur. Was hat das mit dem Gehirn zu tun?

Sturheit ist eine Haltung, die durch bestimmte Erfahrungen entsteht. In den meisten Fällen haben sture Menschen – und das gilt nicht nur alte – wohl unglückliche Erfahrungen mit dem Lernen gemacht. Sie haben die Lust verloren, sich auf etwas Neues einzulassen.

Ist erworbene Sturheit eine fest verdrahtete Eigenheit im Gehirn, oder kann man sie durchbrechen?

Jede einmal entstandene Haltung kann man auch noch im hohen Alter ändern. Das Gehirn ist ein Leben lang anpassungsfähig. Hirnforscher nennen das die Neuroplastizität. Tatsächlich ist die einzige Voraussetzung dafür, dass sich im Hirn wieder neue Verschaltungen und Synapsen entwickeln, eine neue Herausforderung, die für uns bedeutsam ist.

Und dann ist selbst das Hirn eines 80-jährigen noch lernfähig?

Hüther: Das Schlüsselwort heißt: Aktivierung der emotionalen Zentren. Alles hängt davon ab, ob man sich im Alter noch einmal für etwas begeistern kann.

Was passiert dabei im Kopf?

Die emotionalen Zentren sind Kerngebiete im Mittelhirn. Deren Neuronen besitzen lange Fortsätze in alle anderen Hirnteile hinein. Wenn uns etwas bewegt und aufwühlt, werden diese emotionalen Zentren stark angeregt. Am Ende der langen Fortsätze werden dann neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet. Sie wirken wie Dünger und bringen die dahinter liegenden Nervenzellen mitsamt ihrer Netzwerke dazu, all das, was im Zustand der Begeisterung besonders aktiviert ist, zu festigen und zu stärken. So werden im Hirn neue Kontakte geschmiedet und bestehende ausgebaut.

Geht das bei Erwachsenen genauso leicht wie bei Kindern?

Im Grunde ja, mit einem Unterschied. Kinder lassen sich viel leichter begeistern. Ein Kind hat am Tag ungefähr 50 bis 100 solcher Begeisterungsstürme im Hirn. Da geht also mehr als 50 Mal die Gießkanne der Botenstoffe an. Das lässt aber im Laufe des Lebens nach. Man hat Erfahrung, kennt sich aus, weiß „wie der Hase läuft“. Ein Erwachsener erwartet alles schon, kann alles schon, weiß alles schon. In so einem Kopf passiert nur noch wenig neues.

Aber es wäre viel mehr möglich?

Ja. Ein 85-jähriger Herr aus Bonn könnte immer noch Chinesisch lernen, wenn er sich dafür begeistern würde. Dafür müsste er sich zum Beispiel nochmal in eine hübsche 75-jährige Chinesin verlieben. Die könnte dann sagen: „Komm mit nach Chingfung, mein kleines Dorf in Mittelchina“. Wenn der Mann seinen Gefühlen folgen und sich auf die Reise einlassen würde, könnte er wahrscheinlich nach einem halben Jahr schon ganz gut Chinesisch sprechen.

Und wenn er doch lieber in Bonn bleiben und dort Chinesisch lernen wollte?

Dann hätte er damit kaum Erfolg. In einem gewohnten Beziehungsgefüge, in dem man es sich über Jahre hinweg eingerichtet hat, ist es immer deutlich schwieriger, den nötigen Sturm der Begeisterung auszulösen.

Sie sagen, dass man fürs Lernen bis ins hohe Alter etwas Bedeutsames braucht. Was kann das sein?

Wenn es um Begeisterung geht, lohnt es sich immer, auf Kinder zu schauen. Das erste, was für sie im Leben bedeutsam ist, ist der eigene Körper. Die ersten erlernten Netzwerke im Gehirn entstehen schon vor der Geburt anhand der Signalmuster, die aus dem Körper kommen. Als Erwachsener sollte man versuchen, seinem Körper diese Bedeutung und Achtung zurückzugeben. Gymnastik, Feldenkrais-Übungen, Yoga. Das sind alles Dinge, für die man sich bis ins hohe Alter begeistern kann und beglückt erlebt, was man mit seinem Körper noch alles fertig bringt.

Was zeigen uns die Kinder noch?

Menschliche Beziehungen sind wichtig. Sie sind es, die das Kind nach der Geburt im wesentlichen formen. Auch für ältere Menschen ist es begeisternd, mit anderen in Verbindung zu stehen. Und die schönsten – weil lebendigsten – Beziehungen, die ältere Menschen haben können, sind Beziehungen zu kleinen Kindern. Oma oder Opa zu sein ist im Grunde die beste Altersvorsorge, wenn man sein Gehirn in einem plastischen Zustand halten will.

Manche Menschen beginnen im Alter auch noch ein neues Studium an der Universität...

Das entspricht der dritten Begeisterungsquelle beim Kind: Wenn sie mit ihrem Körper in Verbindung sind, wenn sie gut in Beziehungen stehen, dann kommt das, was wir Neugier und Gestaltungsfreude nennen. Dann kann man sich für all das begeistern, was es in der Welt noch zu lernen, zu erfahren und zu entdecken gibt.

Gibt es Dinge, die das kindliche Gehirn dennoch viel besser lernt, bei denen das erwachsene Hirn deutlich im Nachteil ist?

Natürlich hat das Kind eine ganz andere Wachstumsdynamik. Die Durchblutung ist besser. Nährstoffe kommen leichter und schneller an die Zellen heran. Aber diese Eigenschaften würde ich nicht per se als Wert herausstellen. Durch die hohe Dynamik können Kinder unter unglücklichen Bedingungen, in die sie hineingepresst werden, auch extrem verbogen werden. Das passiert einem erwachsenen Hirn nicht mehr, was wiederum ein Vorteil sein kann.

Einige Hirnforscher diskutieren mittlerweile offen über Hirndoping. Die Wirkstoffe bestimmter Medikamente verändern die Wirkung von Botenstoffen im Gehirn und steigern so die mentale Leistungsfähigkeit.

Ich halte Hirndoping für einen sehr fragwürdigen Auswuchs einer Leistungsgesellschaft, die glaubt, dass das wichtigste, was man mit seinem Hirn machen könnte, das Denken ist. Da werden kognitive Leistungen höher bewertet als alles andere, was man im Leben als Mensch so treiben kann. Wer bereit ist, sich so stark selbst zu funktionalisieren, dass er sogar sein Hirn manipuliert, indem er bestimmte Drogen, sogenannte Cognitive Enhancer, einnimmt, der hat ein Problem mit der eigenen Vorstellung von Identität.

Wäre es nicht dennoch eine interessante Variante, dem Lernen im Alter auch durch gezielten Chemieeinsatz auf die Sprünge zu helfen?

Wer sich mit Pillen in einen Zustand versetzt, um eine bestimmte Leistung zu vollbringen, ist sehr stark außengesteuert. Der Prozess beim Altern ist aber ein ganz anderer. Man kann nur gesund und glücklich alt werden, wenn man bei sich selbst ankommt. Spätestens im mittleren Lebensalter beginnt normalerweise eine Phase, in der man von der Außenorientierung mehr auf eine Ich-Bezogenheit wechselt.

Wie zeigt sich das?

Man fragt stärker nach dem Sinn und der Bedeutsamkeit. Solche Altersfragen wird man sich aber kaum noch stellen, wenn man sich mithilfe irgendwelcher Mittel in einen Zustand erhöhter kognitiver Leistungsfähigkeit versetzt. Das ist ja dann ein Zustand, in der der Motor nur schneller läuft. Aber die Frage, wohin man mit diesem Motor eigentlich fahren will, wird gar nicht mehr beantwortet.