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GEO Kompakt



GEOkompakt Nr. 17 "Kinder", November 2008

Herr Professor Hüther, Sie erforschen als Neurobiologe die Wirkung von Medien auf die Gehirnentwicklung. Können Sie uns eine gute Fernsehsendung oder ein gutes Computerspiel für Kinder empfehlen?

Nein. Solche Empfehlungen bringen uns auch nicht weiter. Denn dann würden wir eine Oberflächendiskussion über die inhaltliche Qualität der Angebote führen – die aber sollten wir vermeiden. Sie müssen gar nicht lange suchen: Sehr schnell finden Sie fünf Studien, die Ihnen zeigen, wie gut etwa der TV-Konsum für Kinder angeblich ist. Weitere fünf Studien hingegen werden belegen, dass Fernsehen schlecht ist. Diese Debatte ist für Eltern nutzlos. Ich rede nicht über Inhalte, ich setzte weitaus früher an.
Vor wenigen Jahren noch haben wir Neurobiologen geglaubt, genetische Programme würden im Hirn alles automatisch zusammenstöpseln. Die komplexen neuronalen Netzwerke, die unser Denken, Fühlen und Handeln steuern, hielt man für genetisch programmiert. Inzwischen wissen wir, dass sich nur solche Verknüpfungen im Hirn des Kindes langfristig ausbilden, die auch in der konkreten Lebenswelt regelmäßig aktiviert werden. Das, was ungenutzt bleibt, schrumpelt wieder weg. Die genetischen Programme sorgen dafür, dass zunächst ein großer Überschuss an Nervenzellverknüpfungen produziert wird.
Um die wichtigsten neuronalen Schaltkreise im Hirn aufzubauen, brauchen Kinder aber vor allem eines: eigene Körpererfahrungen. Und die sammelt der Nachwuchs nicht vor dem Bildschirm, ganz gleich, welches Programm läuft.

Weshalb sind Körpererfahrungen so entscheidend?

Nur wer das richtige Gefühl für seinen Körper entwickelt, kann auch seine kognitiven Potentiale entfalten. Erste Studien beweisen das: Grundschüler, die besonders gut in Mathe sind, können auch besonders gut balancieren. Der Mensch erwirbt die Voraussetzungen für das dreidimensionale und abstrakte Denken, für die Mathematik, indem er seinen Körper in der Balance zu halten lernt. Sobald ein Kind vor einem Fernseher sitzt, spürt es den Körper nicht mehr. Es wird nicht krabbeln, nicht umher springen, nicht balancieren, schon gar nicht auf Bäume klettern. Das ist gestohlene Körperlernzeit.

Kinder sollen sich also möglichst bewegen?

Ja, aber es muss nicht immer eine Bergbesteigung sein. Eine der wundervollsten Körperlernübungen ist das Singen. Denn dabei muss das kindliche Hirn die Stimmbänder so virtuos modulieren, dass haargenau der richtige Ton rauskommt. Das ist die feinmotorischste Übung überhaupt, und damit eine Vorraussetzung für alle späteren, hoch differenzierten Denkweisen.
Zudem handelt es sich um eine sehr komplexe, ganzheitliche Gestaltungsleistung. Das Kind muss ja das gesamte Lied im Kopf haben, um exakt zur richtigen Zeit den richtigen Ton zu treffen. Und im Chor lernt es gar, sich auf andere einzustellen – eine Vorraussetzung für soziale Kompetenz.
Und Kinder erfahren außerdem etwas Erstaunliches: Nämlich, dass man keine Angst haben kann, wenn man singt. Inzwischen wissen Neurobiologen, dass das Hirn beim freien Singen nicht in der Lage ist, Angstgefühle zu mobilisieren. Deshalb singen Menschen schon seit Jahrtausenden beim Gang in den Keller. Das tun sie nicht, um Mäuse zu vertreiben.

Wo schlagen sich denn solche Erfahrungen nieder, wo bilden sich die neuronalen Schaltkreise?

Im kompliziertesten Teil unseres Hirns, im so genannten präfrontalen Kortex. Der befindet sich direkt hinter der Stirn. Dort reift unser Selbstbild heran. Und damit auch der Antrieb, sich der Welt zuzuwenden. Handlungen zu planen, Impulse zu kontrollieren und Frustrationen auszuhalten. Das sollte in der frühen Kindheit bis zum Alter von etwa sechs Jahren geformt werden. Ausbilden können sich die dafür zuständigen Netzwerke im Frontallappen aber nur unter der Voraussetzung, dass das Kind diese Erfahrungen macht. Solche Erlebnisse hat ein Kind vor allem dann, wenn es sich mit Dingen beschäftigt, die es verstehen und gestalten kann. Aber das wird heute immer schwieriger.

Woran liegt das?

Die Welt der Kinder hat sich ebenso stark verändert wie die der Erwachsenen. Wir sind nicht mehr in der Lage zu begreifen, wie alltägliche Gebrauchsgegenstände im Kern funktionieren. Früher war das anders. Jedes Gerät war verstehbar. Das Fahrrad, die Dampfmaschine, sogar das Auto. Ein Kind konnte einen Wecker auseinander nehmen, die Rädchen in seinem Inneren untersuchen – und den dahinter liegenden Mechanismus entschlüsseln. Heute, im Informationszeitalter, sind die Dinge oft so komplex, dass wir Ursache und Wirkung schwer oder gar nicht mehr begreifen können.

Wie wirkt sich das auf das kindliche Gehirn aus?

Unser Hirn passt sich stets dem an, was wir mit Begeisterung tun. Im letzten Jahrhundert haben sich Menschen für Maschinen begeistert und sich mit ihnen identifiziert. Sie haben dieses Maschinendenken sogar auf sich angewendet. Das färbt auch die Sprache: Wir bezeichnen unser Herz als Pumpe und reden von verschlissenen Gelenken, die ausgetauscht werden.
Nun bricht plötzlich diese neue Epoche an. Es wird zunehmend schwer, Ursache und Wirkung zu verstehen. Etwa warum der Pfeil auf dem Bildschirm nach rechts wandert, wenn wir die Maus bewegen. Dieser Mangel an Sinnzusammenhängen hat zur Folge, dass Kinder irgendwann nicht mehr nach Kausalitäten fragen. Das ist eine einfache Konsequenz der menschlichen Gehirnentwicklung. Die Kinder lernen quasi, dass sie Dinge hinnehmen müssen, ohne den Sinn dahinter zu begreifen.
Viele digitale Medien sind nicht nur nicht verstehbar. Sie sind auch nur eingeschränkt gestaltbar. Das einfachste Beispiel: Sie können beim TV-Gerät nichts weiter verändern als die Programmwahl. Wenn man kleine Kinder das erste Mal vor den Bildschirm setzt, unterhalten sie sich noch mit dem Apparat. Sie sagen dem Hasen, wo der Fuchs lauert. Sie versuchen also etwas zu gestalten. Das hat sie ihre bisherige Erfahrung - ohne virtuelle Medien - gelehrt. Nach wenigen Wochen Fernsehkonsum resignieren die meisten, ihr Gestaltungswille versiegt. Sie stellen also einen Teil ihrer Selbstwirksamkeit in Frage.

Das aber ist ein wichtiger Bestandteil der kindlichen Entwicklung.

Ja, und der wächst erst durch eigene Erfahrungen im Frontalhirn heran – als hochkomplexes Neuronennetz. Um ihren Erkenntnishorizont zu erweitern, müssen Kinder neue Wahrnehmungen in einen Sinnkontext unterbringen. Unser Gehirn kann nämlich nur dann etwas lernen, wenn es die neuen Eindrücke an ein bereits vorhandenes Muster anhängen kann, das sich durch frühere Erfahrungen ausgebildet hat. Das ist ein hochkreativer Prozess. Das Kind versucht also, das Neue in das Alte einzufügen. Dafür wühlt es gewissermaßen zunächst in seinem Hirn herum. Eine produktive Unruhe entsteht, bis das Erregungsmuster plötzlich passt. Dann verwandelt sich das Chaos im Gehirn in Harmonie. Das ist das berühmte Aha-Erlebnis.
Und dabei wird das Belohnungszentrum aktiv. Nervenzellen schütten Glückshormone aus. Jedes kleine in eigener Leistung erbrachte Erfolgserlebnis wirkt so beglückend, als hätte man ein wenig Kokain und Heroin gleichzeitig genommen. Dagegen ist es ungeheuer schwer, vor einem ablaufenden Film etwas in Eigenleistung passend zu machen. Daher sollten Kinder bis zur Einschulung möglichst gar nicht in Kontakt mit Fernsehgeräten oder Computern geraten.

Aber die Handlung in einem Buch ist doch auch vorgegeben. Lesen ist doch auch passiv.

Wenn ein Kind liest, geschieht hirntechnisch eine Unmenge. Buchstaben werden in Worte übersetzt. Worte und Sätze verwandeln sich in Bilder, in Vorstellungswelten. Was es gelesen hat, erscheint vor seinem geistigen Auge. Rotkäppchen geht in den Wald. Da sieht kein Kind die Buchstaben. Eine unglaubliche Fantasieleistung: aus Schwarz und Weiß ein Bild zu formen. Dagegen ist ein Harry-Potter-Film gar nichts. Bevor man die Fantasie einschalten kann, ist das nächste Bild schon da. Nur das, was man sich selbst erarbeitet, bringt einen wirklich weiter.

Sie meinen also, Kinder brauchen Aufgaben?

Entscheidend für die Hirnentwicklung sind echte Herausforderungen, Abenteuer. Angeln mit dem Onkel, ein Baumhaus bauen oder einen Berg besteigen. Abenteuer haben uns alle stark gemacht. Inzwischen weisen Neurowissenschaftler diesen Zusammenhang sogar nach: Kinder müssen im Leben möglichst viele Herausforderungen meistern, damit die wichtigsten Vernetzungen im Hirn entstehen. Kinder brauchen also eine Welt, in der es möglichst interaktiv zugeht. Und zwar nicht in der Virtualität, sondern in realen Lebenszusammenhängen.

Können sie denn ihre neuronalen Netze im Hirn auch in späteren Jahren noch aufbauen?

Wenn die kritische Phase verstrichen ist und wichtige Vernetzungen für die Körperregulation nur dürftig herausgeformt worden sind, verfügt ein Kind über kein gutes Körpergefühl. Dennoch bleibt das Gehirn das ganze Leben lang formbar. Auch ein Acht- oder Zehnjähriger profitiert noch nachträglich von allen Körpererfahrungen, die er jetzt macht. Aber die Motivation, seinen Körper zu trainieren, wird eine ganz andere sein. Der Lernprozess läuft nicht mehr intuitiv und automatisch ab. Die Kinder schämen sich ihrer Defizite wegen, werden gehänselt – und lernen mit Angst. Das ist keine gute Grundlage.

Vorausgesetzt, im Alter von sechs Jahren sind die wichtigen neuronalen Netze im Gehirn angelegt: Sind Kinder dann vor allen medialen Gefahren geschützt?

Nicht unbedingt. Denn manche Kinder laufen Gefahr, sich in den virtuellen Welten zu verlieren.

Sie meinen Computerspiele?

Ja, unter anderem. Denn gefährlich wird es, wenn digitale Medien von Kindern benutzt werden, um die Grundbedürfnisse befriedigen. Davon haben alle Menschen haben zwei.
Erstens: Ich will dazugehören. Zweitens: Ich will etwas leisten. Im ersten Bedürfnis drückt sich die Sehnsucht nach Verbundenheit aus, im zweiten die Sehnsucht nach Freiheit.
Jungs leiden in unserer Gesellschaft vor allem daran, dass sie zu selten Gelegenheit geboten bekommen, etwas leisten zu können. Sie finden keine echten Aufgaben, an denen sie wachsen können. Denn genau darüber bauen Jungs ihr Selbstverständnis, ihre Identität auf.
Manche Eltern wissen offenbar auch schon nicht mehr, was eine Aufgabe ist, an der ihr Kind wachsen kann. Solch eine Aufgabe muss sich das Kind selber suchen. Sie muss wirklich schwer sein und einige Zeit dauern. Und am Ende ist es so wie bei einer Bergbesteigung: Man sitzt da oben und ist einfach nur noch glücklich. Es gibt ein Indiz dafür, wann ein Kind eine echte Aufgabe gelöst hat: Danach braucht es kein Lob von außen. Es ist sich selbst genug.
Heute finden vor allem Jungs ihre Aufgabe darin, dass sie Computerspiele bis zur Perfektion trainieren. Denn dort können sie in Wettkämpfen zeigen, wie gut sie sind. Aber das sind eben keine Aufgaben, die ihnen helfen, sich im realen Leben zurechtzufinden.

Welche Kinder sind denn besonders gefährdet?

Rund 40 Prozent der deutschen Schulkinder gehen mit Angst in die Schule. Vor allem die Jungs sitzen nach der Schule erst mal am Computer. Die brauchen mindestens ein, zwei Stunden Ballerspiele. Der Computer dient hier als Instrument zum Frustabbau. Indem sie in der virtuellen Welt Abenteuer bestehen, Monster abschlachten und zu Siegern werden, finden die Kinder aus der Ohnmacht, aus der angestauten Aggression heraus. Durch eine eigene Leistung bauen sie ihren Frust ab.

Das Belohnungssystem tritt also wieder in Aktion.

Genau. So, als ob die Kinder eine wunderbare, neue Lernerfahrung gemacht hätten. Diese Erfahrung bezieht sich aber auf eine Lebenswelt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Neurobiologisch ist das fatal: Das Kind trainiert sein Hirn für Lebenssituationen, die es nur auf dem Bildschirm vorfindet. Computer erzeugen zudem eine Illusion von Kontrollierbarkeit. Spielt ein Kind aber mit einem anderen Kind, so erfährt es, dass in Wirklichkeit nicht alles kontrollierbar ist. Ein anderer Mensch macht eben nicht immer das, was man selber will.
Außerdem spüren viele Jungs beim Spielen ihren Körper gar nicht mehr. Sie haben kein Bedürfnis mehr zu schlafen, reagieren nicht auf Signale wie Hunger und Durst. In Südostasien sind bereits die ersten computerabhängigen Jugendlichen vor dem Bildschirm verhungert und vertrocknet.

Sie sprechen vor allem von Jungs. Was machen denn die Mädchen am Computer?

Die chatten. Mädchen spüren stärker als Jungs das Bedürfnis, dazu zu gehören und Beziehungen aufzubauen. Und wenn das nicht so recht klappt, wird gewissermaßen das Chatten als eine Ersatzbefriedigung für die fehlende Nähe und Bindung eingesetzt. Mit einer Freundin, auf die ich mich verlassen kann, muss ich nicht alle fünf Minuten zu schwatzen. Dass die Mädchen soviel reden, ist eher ein Zeichen dafür, dass sie eigentlich verunsichert sind und sich nicht auf die Festigkeit der Beziehung verlassen können. Ähnlich wie Küken, die nach ihrer Mutter rufen.

Und die realen sozialen Kontakte veröden?

Das muss ja zwangsläufig so sein. Sie können eine echte Beziehung zu einem Menschen nur pflegen, indem sie auch mit ihm zusammen sind. Alles andere ist eine virtuelle Beziehung. In virtuellen Räumen sind Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit ja nicht präsent. Die riechen nach nichts. Die stinken auch nicht. Und bewegen sich auch nicht komisch. All diese Eigentümlichkeiten einer lebendigen Begegnung kommen gar nicht vor. Sondern nur noch das geschriebene Wort beim Chatten.

Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind in den Sog der virtuellen Welt geraten ist? Und wie können Eltern ihre Kinder vor der drohenden Verarmung schützen?

Wenn ein Kind lieber vor dem Computer sitzt, als draußen herum zu rennen, zu toben und mit anderen zu spielen, wenn es also seinen natürlichen Bedürfnissen nicht mehr nachgeht, dann wird es bedenklich. Dann sollten Eltern reagieren. Aber nicht, indem sie Verbote aussprechen.
Vielmehr müssen sie versuchen, ihren Kindern Herausforderungen in der realen Welt zu bieten, denen sie sich stellen können. Abenteuer, unerwartete Ereignisse, überraschende, vielleicht sogar gefährliche Situationen, die ein Kind meistern kann, um daran zu wachsen. Eltern müssen also etwas anderes neben diese breiten Computer-Autobahnen im Gehirn ihres Nachwuchses etablieren. Manche Eltern melden ihre Kinder bei asiatischen Kampfkünsten an, bei einem Wanderurlaub mit Zeltlager oder zu Betreuung kleinerer Kinder. Vielleicht hilft es einigen sogar, alten Menschen beim Umgang mit Computer und dem Internet zu helfen.
Diese Kinder werden sich später mit anderen Menschen austauschen und gemeinsam Probleme lösen können. Denn ihre Eltern haben ihnen in den wichtigen Jahren der Hirnreifung ein breites Spektrum an realen Erfahrungswelten geboten.
Jene Kinder, die dagegen in die Computerwelten abtauchen, lernen dort allzu schnell, dass alles funktioniert, wenn man nur den richtigen Knopf drückt. Die tolerieren keine Fehler mehr, halten Frustrationen nicht stand und sind nicht mehr in der Lage, ihre Impulse zu kontrollieren. In der echten Welt finden sie sich nicht mehr zurecht.
Sind Kinder dagegen Teil einer lebendigen Gemeinschaft und erleben wie etwa bei den Pfadfindern echte Abenteuer, geraten sie viel seltener in den Sog virtueller Welten: Die spielen weniger am Computer und schauen bei weitem nicht so viel fern. Und auch im späteren Leben entwickeln sie weniger Angststörungen und sind nicht so verunsichert. Das werden in der Regel recht gestandene Persönlichkeiten.

Vorausgesetzt, da reift eine solch gestandene Persönlichkeit heran: Wie alle junge Menschen wird auch dieses Kind Computerspiele und das Internet ausprobieren. Es wird sich also wie seine Mitschüler etwa ein Chat-Profil einrichten wollen. Welche Gefahren sind damit verbunden?

Kein Kind wird mit einer Computersucht geboren. Und es sind nie die starken, beziehungsfähigen und lebenslustigen, nie die offenen, neugierigen und gestaltungsfreudigen Kinder, die in den Bann der elektronischen Medien gezogen werden. Für diese Kinder sehe ich keine Gefahren. Sie werden Computer als das erkennen, was sie sein sollen: großartige Hilfsmittel für die effektive Nutzung des Gehirns. Das Internet werden sie als gigantischen Wissensspeicher entdecken, der es ihnen ermöglicht, Fragen des realen Lebens zu beantworten.

Was aber geschieht im Gehirn eines zehnjährigen Kindes, wenn es zufällig auf eine Internetseite mit pornographischem oder grausamem Inhalt gerät? Erlebt es da nicht einen großen Schock?

Nicht unbedingt. Das kommt auf die Medienkarriere und das familiäre Umfeld an. Das, was bei uns Erwachsenen furchtbare Brutalität signalisiert, lernen manche Sprösslinge als eine von vielen Formen des Umgangs miteinander kennen. Ein Kind, das durch den passiven Medienkonsum abgestumpft ist, wird erstmal gar nicht bewerten, was es dort sieht. Seine Erfahrung sagt ihm, dass auf diesem Bildschirm alles Mögliche passiert. Da rennt der Fuchs hinter dem Hasen her. Da lachen die Leute, wenn Donald Duck und Pluto ein ums andere Mal platt gefahren werden – und danach wieder aufstehen. Da hauen sich muskelbepackte Wrestler vor gröhlendem Publikum die Schädel ein. Und nun sieht das Kind, dass da zwei Menschen miteinander schlafen oder sich gegenseitig die Köpfe abschneiden.
Die Eltern haben ihm die natürliche Abscheu abgewöhnt. Denn es hat schon früh die Erfahrung gemacht, dass es keinen Sinn hat, sich viele Gedanken darüber zu machen. Es hat gelernt, dass es eben nicht unbedingt verstehen kann, was da über die Mattscheibe flimmert.

Was aber geschieht mit Kindern, die noch kaum Erfahrung mit passiven Medien gemacht haben?

Das Hirn des Kindes wird versuchen, dieses neue Bild, egal wie verstörend es sein mag, an ein altes, bereits vorhandenes anzuhängen, um es zu verstehen. Es wird die Eindrücke als eine Form des zwischenmenschlichen Umgangs abspeichern. Ganz wichtig ist, dass die Eltern dann deutlich machen: Das ist kein erstrebenswertes Miteinander. Wenn das einer mit dir machen würde im echten Leben, dann würde das furchtbar wehtun.

Kinder brauchen also nicht nur Aufgaben, an denen sie wachsen können, sondern auch Menschen, die sie leiten.

Ja, sie brauchen dringend Vorbilder, die ihnen helfen, sich nicht in fragwürdigen Gemeinschaften oder in fragwürdigen Aufgaben zu verlieren. Falsch wird es immer dann, wenn Kinder ihre Potenziale nicht entfalten können.
Damit sind wieder die Erwachsenen gefragt. Die Computerindustrie bedient nur eine Nachfrage. Und solange es genügend Eltern gibt, die gar nicht verstehen, dass ihre Kinder Bedürfnisse haben, die sie in der realen Welt nicht stillen können, wird das Angebot an digitalen Medien weiter zunehmen. Und wenn Kinder unter diesen Bedingungen aufwachsen, suchen sie sich dort ihre Aufgaben, an denen sie wachsen können.
Es lohnt sich darüber nachzudenken, was aus einer Gesellschaft wird, deren Kinder sich aus dem richtigen Leben verabschieden. Mit dem Ergebnis, dass sie ein Gehirn bekommen, das optimal angepasst ist an ein virtuelles Leben im Internet und Computerspielen.

Können Sie das auch neurologisch nachweisen?

Das zeigen die ersten Studien: Nirgendwo sonst lernt man Fingerfertigkeit so gut wie beim Bedienen einer Tastatur oder beim Schreiben einer SMS. Das hinterlässt Spuren im Gehirn. So ist etwa in den letzten zehn Jahren die Hirnregion, die den Daumen steuert, bei Jugendlichen viel größer geworden. Dort haben sich immer feinere, dichtere Vernetzungen ausgebildet, die ihnen erstaunlich schnelle Daumenbewegungen ermöglichen. Die Jugendlichen entwickeln ihr Hirn so, dass es optimal an diese Erfordernisse angepasst ist. Die Frage ist nur, ob es in Zukunft in unserer Gesellschaft entscheidend ist, dass man seinen Daumen möglichst schnell bewegen kann. Kinder können das noch nicht beantworten – Eltern sollten dazu aber in der Lage sein.