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Ausschnitt des neuen Buchs
Hier als kleine Vorab-Kostprobe der letzte Abschnitts meines kommenden Buchs „Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher“, das im Frühjahr im Fischer-Verlag erscheint
„Ich versuche gerade herauszufinden, welcher Tag eigentlich der alltäglichste Tag war, den ich in meinem Leben bisher erlebt habe. Er will mir nicht einfallen. Der zweit- und drittalltäglichste auch nicht.
Offenbar leide ich schon an altersbedingtem Gedächtnisschwund, einer senilen Demenz für das Alltägliche. Was für ein Geschenk des Himmels oder meinetwegen auch meines Hirns ! Das ist die schönste Krankheit, die ich mir vorstellen kann: sich einfach an all das nicht mehr erinnern zu können, was ganz unwichtig, ganz bedeutungslos, eben ganz alltäglich ist. Diese senile Demenz für das Alltägliche plagt mich offenbar schon länger. Am stärksten war ich davon befallen, als ich noch ein kleiner Junge war. Seither ist es – dank der eifrigen Bemühungen von allen möglichen Wichtigtuern und nicht zuletzt der Medien - damit etwas besser geworden. Jetzt kann ich mich sogar noch einigermaßen an die letzte Sitzungsrunde des Vorbereitungskommitees zur Durchführung der Wahlen zum Betriebsrat erinnern. Der Redner sagte gerade zum siebten Mal: „Jetzt müssen wir also……“ Ich dachte noch: „So oft kann man doch in anderthalb Stunden gar nicht müssen. Oder glaubt der, wir hätten es alle an der Prostata?“
Damals, als ich Fünf war, wäre mir das nie aufgefallen, es wäre mir auch egal gewesen, ich wäre einfach aufgestanden und rausgegangen. Damals hätte ich mich auch an rein gar nichts von dieser Sitzung erinnern können. Aber das hatte ich ja schon mit Bedauern festgestellt: Die Demenz für das Alltägliche verschwindet allmählich, je älter man wird. Deshalb braucht man für diese Erkrankung auch keine Pillen zu nehmen, jedenfalls nicht mehr in meinem Alter.
Wenn ich heute aber erst fünf Jahre alt wäre, hätte ich sicher Ritalin bekommen, denn ich hätte den Alltag in der Schule nicht ausgehalten, ohne ihn durch irgendeine verrückte Aktion zu einem besonderen Tag zu machen, ein Tag an den ich mich auch später noch hätte erinnern können…“
Aus: „Was wir sind und was wir sein könnten. Ein neurobiologischer Mutmacher“, erscheint im Frühjahr im Fischer Verlag.
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